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01 — EINORDNUNG

Was ist divergentes Denken?

Divergentes Denken beschreibt eine Denkweise, die es ermöglicht, Informationen, Situationen und Probleme aus unterschiedlichen Perspektiven zu betrachten, Verbindungen zwischen scheinbar unabhängigen Sachverhalten herzustellen und neue, kreative oder unkonventionelle Lösungsansätze zu entwickeln.


Dabei werden nicht nur einzelne Informationen betrachtet, sondern auch größere Zusammenhänge, Abhängigkeiten und mögliche Wechselwirkungen wahrgenommen. Bestehende Annahmen werden hinterfragt, unterschiedliche Möglichkeiten offengehalten und Probleme nicht ausschließlich innerhalb bereits bekannter Lösungswege betrachtet.


Divergentes Denken wird häufig mit Kreativität, Innovation, Intuition und ganzheitlichem Denken in Verbindung gebracht. Im Verständnis dieser Webseite geht es jedoch um mehr als die Fähigkeit, kreative Ideen zu entwickeln. Es geht auch darum, wie Menschen ihre Umwelt wahrnehmen, Informationen miteinander verbinden und daraus Erkenntnisse gewinnen.


Woher stammt der Begriff?

Die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Formen des Denkens wurde insbesondere durch zwei Forscher geprägt: den amerikanischen Psychologen J. P. Guilford und den maltesischen Mediziner, Psychologen und Autor Edward de Bono.


Beide beschäftigten sich mit Denkprozessen, die über etablierte Lösungswege hinausführen. Ihre Ansätze weisen Gemeinsamkeiten auf, setzen jedoch unterschiedliche Schwerpunkte.

J. P. Guilford (1897–1987)


Guilford unterschied zwischen divergentem und konvergentem Denken. Während divergentes Denken auf die Entwicklung vielfältiger Ideen und möglicher Lösungen ausgerichtet ist, konzentriert sich konvergentes Denken darauf, vorhandene Informationen zusammenzuführen und eine passende beziehungsweise richtige Lösung zu finden.


Definition nach J.P. Guilford:


  • Divergentes Denken:
    Vielfältige Möglichkeiten, Ideen und Lösungsansätze entwickeln.


  • Konvergentes Denken:
    Informationen und Möglichkeiten auf eine passende Lösung hin zusammenführen.

Edward de Bono (1933–2021)


De Bono prägte den Begriff des lateralen Denkens. Dabei geht es darum, gewohnte Denkmuster zu verlassen, Perspektiven zu wechseln und neue Lösungswege zu erschließen. Dem stellte er das vertikale beziehungsweise schrittweise, logisch aufeinander aufbauende Denken gegenüber.



Definition nach De Bono:


  • Laterales Denken:
    Gewohnte Denkmuster durchbrechen und neue Perspektiven erschließen.


  • Lineares Denken:
    Gedanken logisch und schrittweise weiterentwickeln.

Die Begriffe sind nicht vollständig gleichbedeutend. Gemeinsam verdeutlichen sie jedoch, dass sich Denkprozesse darin unterscheiden können, wie Informationen verarbeitet, Möglichkeiten entwickelt und Lösungen gefunden werden.


Was zeichnet divergentes Denken aus?

Aus meinen eigenem Erleben und zahlreichen Gesprächen mit Betroffenen, haben sich für mich folgende charakteristische Merkmale beschreiben:

  • Ganzheitlichkeit: Situationen und Probleme werden in größeren Zusammenhängen betrachtet.
  • Vernetzung: Zwischen Informationen, Erfahrungen und Themen werden Verbindungen und Abhängigkeiten erkannt.
  • Gedankensprünge: Gedanken können zwischen unterschiedlichen Themen, Ebenen und Perspektiven wechseln.
  • Offenheit: Mehrere Erklärungen und Lösungsansätze können gleichzeitig bestehen bleiben.
  • Hinterfragen: Bestehende Annahmen, scheinbare Selbstverständlichkeiten und Problemdefinitionen werden erneut betrachtet.
  • Intuition: Zusammenhänge oder Unstimmigkeiten können wahrgenommen werden, bevor ihre Ursachen bewusst erklärt werden können.


Diese Merkmale müssen nicht bei jedem Menschen gleichermaßen ausgeprägt sein. Sie beschreiben unterschiedliche Aspekte einer Denkweise, die sich in vielfältigen Formen zeigen kann.


Meine erweiterte Perspektive auf divergentes Denken

Während Guilford divergentes Denken insbesondere im Zusammenhang mit Kreativität und der Entwicklung unterschiedlicher Lösungen untersuchte, betrachtet ich das Phänomen aus einer weiter gefassten Perspektive.


Im Mittelpunkt steht die Beobachtung, dass sich Menschen nicht nur darin unterscheiden, welche Lösungen sie entwickeln, sondern möglicherweise bereits darin, was sie wahrnehmen, welche Zusammenhänge sie erkennen und wie sie gedanklich zu einer Erkenntnis gelangen.


Diese Betrachtung versteht sich als Einladung, eigene Erfahrungen wiederzuerkennen, bestehende Vorstellungen zu hinterfragen und unterschiedliche Perspektiven auf menschliches Denken miteinander ins Gespräch zu bringen.

  • Divergentes Denken - Wahrnehmen

    Ganzheitliches Denken

    Du siehst nicht nur Einzelaspekte, sondern betrachtest Probleme in größeren Zusammenhängen und systemischen Mustern.


    Verborgene Verknüpfungen

    Du erkennst Muster und Verbindungen zwischen Dingen, die auf den ersten Blick nichts miteinander zu tun haben.


    Gedankensprünge

    Deine Gedanken bewegen sich oft sprunghaft von einem Thema zum nächsten, wodurch du unterschiedliche Perspektiven miteinander verbinden kannst.


    Plötzliche Einfälle

    Deine Lösungen kommen oft nicht durch systematisches Überlegen, sondern in spontanen, intuitiven Momenten.


    Verschiedene Lösungen

    Anstatt dich auf eine einzige Lösung zu konzentrieren, denkst du oft an verschiedene Lösungsansätze und bist offen dafür, sie parallel zu verfolgen.


    Visuelles und metaphorisches Denken

    Du nutzt oft Metaphern, Bilder oder Analogien, um komplexe Ideen zu verstehen oder zu erklären.


    Visionäre Sichtweise

    Du siehst nicht nur, wie Dinge sind, sondern auch, wie sie sein könnten oder sein sollten, und entwickelst Ideen, wie man dorthin gelangen kann.

  • Divergentes Denken - Motivation & Antrieb

    Tiefgründige Gespräche

    Du bevorzugst tiefgehende, sinnvolle Gespräche gegenüber oberflächlichem Smalltalk.


    Neugierde

    Du bist neugierig und möchtest Dinge wirklich verstehen. Erst wenn du ein Thema durchdrungen und ein klares inneres Bild davon entwickelt hast, bist du zufrieden.


    Liebe zur Komplexität

    Du fühlst dich von komplexen Problemen und Themen angezogen und beschäftigst dich gerne mit ihren unterschiedlichen Zusammenhängen.


    Unbequeme oder einfache Fragen

    Du stellst oft Fragen, die andere meiden oder die auf den ersten Blick simpel erscheinen, aber tiefere Einsichten erfordern.


    Hinterfragen des Offensichtlichen

    Du hinterfragst Dinge, die andere als selbstverständlich ansehen, und suchst nach neuen Wegen, sie zu betrachten.

  • Divergentes Denken - Koheränz

    Unkonventionelles Denken

    Du findest oft kreative Lösungen, die andere nicht in Betracht ziehen würden, weil du gerne außerhalb des gewohnten Rahmens denkst.


    Falsche Problemfokussierung

    Du bemerkst, wenn Diskussionen nur oberflächliche Symptome behandeln, während das eigentliche Problem unberührt bleibt.


    Ursachen hinter Symptomen

    Du erkennst, dass viele Probleme nur die Spitze des Eisbergs sind, und versuchst, die tieferen, oft unsichtbaren Ursachen zu identifizieren.


    Offen für Veränderung

    Du bist flexibel in deinem Denken und bereit, bestehende Annahmen und Überzeugungen zu hinterfragen, wenn du bessere Möglichkeiten erkennst.


    Experimentierfreude

    Du liebst es, neue Ansätze auszuprobieren, und scheust dich nicht davor, auch einmal zu scheitern, weil du weißt, dass Scheitern Teil des Lernens sein kann.


    Flexibler Umgang mit Regeln

    Du hinterfragst bestehende Regeln und Normen und bist bereit, von gewohnten Wegen abzuweichen, wenn du darin einen sinnvolleren Ansatz erkennst.

  • Divergentes Denken - Werte

    Gemeinschaftsorientiert

    Das Wohl des Ganzen und der Gemeinschaft ist dir oft wichtiger als persönlicher Erfolg.


    Qualität über Quantität

    Du legst Wert darauf, dass deine Ideen und Lösungen von tiefer Qualität und Bedeutung sind, selbst wenn das bedeutet, weniger Ideen zu entwickeln.


    Missverständnisse in Diskussionen

    Du bemerkst oft, dass zwei Seiten aneinander vorbeireden, und versuchst, Brücken zu bauen oder die Diskussion in eine produktivere Richtung zu lenken.

  • Divergentes Denken - Herausforderungen

    Unverständnis deiner Ansichten

    Deine Einwände oder Ideen erscheinen anderen oft zu abstrakt, komplex oder nicht umsetzbar, während du die tieferen Verbindungen bereits klar vor Augen hast.


    Missverständliche Reaktionen

    Du hörst vielleicht häufiger Aussagen wie „Das ist zu kompliziert“, „Das wird nie funktionieren“ oder „Das klingt nicht realistisch“, obwohl du überzeugt bist, dass dein Ansatz langfristig sinnvoll sein könnte.


    Kreative Frustration

    Du erlebst manchmal Frustration, weil deine Ideen als zu riskant oder unpraktisch abgelehnt werden, obwohl du darin das Potenzial für tiefgreifende Veränderungen erkennst.



02 — ERLEBEN

Erkennst du dich darin wieder?

Vielleicht hast du dich schon einmal gefragt, warum du manche Dinge anders wahrnimmst, andere Fragen stellst oder Zusammenhänge erkennst, die für andere nicht unmittelbar sichtbar sind. Vielleicht kennst du auch das Gefühl, mit deinen Gedanken schon viel weiter zu sein, während andere noch versuchen, deinen Überlegungen zu folgen.


Divergentes Denken kann sich auf ganz unterschiedliche Weise zeigen – in deiner Wahrnehmung, deinen Gedanken, deinen Fragen, deinen Interessen und im Umgang mit anderen Menschen. Kommt dir etwas davon bekannt vor?


Und? Erkennst du dich wieder?

Vielleicht findest du dich in vielen dieser Beschreibungen wieder. Vielleicht sind es auch nur einzelne Aussagen, bei denen du denkst: „Ja, genau das kenne ich.“ Nicht alle beschriebenen Eigenschaften gehören unmittelbar zum divergenten Denken. Manche betreffen die Art des Denkens selbst, andere persönliche Vorlieben, Werte oder Erfahrungen, die damit verbunden sein können.


Diese Sammlung ist deshalb kein psychologischer Test. Sie soll dir vielmehr die Möglichkeit geben, deine eigene Wahrnehmung und Denkweise aus einer vielleicht neuen Perspektive zu betrachten. Manchmal genügt es, die eigenen Erfahrungen in den Worten eines anderen wiederzufinden, um etwas über sich selbst besser zu verstehen